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Laufende Projekte

Das St. Josefs-Stift in Eisingen ist eine große Komplex-Einrichtung der Behindertenhilfe mit rund 500 Klientinnen und Klienten und über 630 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mit mehreren Standorten im Kreis Würzburg, Aschaffenburg und Kitzingen bietet es Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderung an. Zu den Angeboten gehören eine Förderstätte und eine Werkstatt für behinderte Menschen, verschiedene Wohnangebote in der Zentraleinrichtungen in Eisingen und in kleineren gemeinschaftlichen Wohnformen, sowie als ambulant unterstütztes Wohnen in der eigenen Wohnung oder in Wohngemeinschaften. Verschiedene Angebote wie z.B. ein VHS-Programm, Fortbildungen oder Gottesdienste leisten in den Zentralenrichtungen einen Beitrag zu einer sogenannten inversen Inklusion (einer richtungswechselnden Integration) in dem Sinn, dass viele Menschen aus dem regionalen Umfeld und der Standortgemeinde zu solchen Anlässen in die Einrichtung kommen.

In einer solchen Einrichtung stellt sich eine Vielzahl von ethischen Fragen, die die verschiedensten Lebensbereiche und Akteure betreffen und die professionell bearbeitet werden sollen (Moser/Horster 2012). Bisherige Forschungen zeigen deutlich, dass moralisches und ethisch reflektiertes Handeln in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit von vielen Faktoren abhängig ist, wie individuellen Einstellungen, einer Organisationskultur, der ‚Binnenmoral’ von Teams und Arbeitsgruppen und anderen Faktoren (Banks 2012; Kohlfürst 2016). Eine wichtige Rolle spielen dabei auch fixierte und verbindliche Grundsätze wie z.B. Leitbilder oder ethische bzw. pädagogische Leitsätze, codes of ethics, auch wenn diese in der Praxis bei den Praktikerinnen und Praktikern oft gar nicht bekannt sind (Como-Zipfel/Kohlfürst/Kulke 2019).

Um nun sein pädagogisches Profil, seine pädagogischen Leitsätze und Formen ethischer Unterstützung und Entscheidungsfindung weiterzuentwickeln und weiter zu professionalisieren, plant das St. Josefs-Stift eine umfassende Weiterentwicklung und greift dafür die Erfahrungen und Wünsche seiner pädagogischen Fachkräfte auf. Dieser Prozess begann 2019 mit moderierten Ethiktagen zur Reflexion der eigenen Haltung aus dem Blickwinkel ethischer Fragestellungen; der Diskussion zu einem Thema aus den Bereichen Umgang mit Risiko und Süchten, Individualität (Privatsphäre) und Gemeinschaft, Sexualität und Beziehungen sowie Konfliktbewältigung; und Umbrüche und Veränderungen.

Gemeinsam mit den Angehörigen der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften Prof. Dieter Kulke, Anna-Lisa Klages, Prof. Como-Zipfel wurde ein Format entwickelt, den Prozess „Ethik konkret“ in einem Lehrforschungsprojekt als Fallstudie wissenschaftlich zu begleiten. Aufbauend auf dem bereits vom St. Josefs-Stift erarbeiteten Material (Leitlinien u.a.) forschen Studierende im Qualitativen Forschungsprojekt (Masterstudiengang Soziale Arbeit) unter der Leitung u.g. Ansprechpartnerin und Ansprechpartner am IFAS mit qualitativen Methoden im St. Josefs-Stift. Im Sinne eines multiperspektivischen Ansatzes und partizipativer Forschung befragen Projektgruppen Menschen mit Beeinträchtigung in verschiedenen Positionen und Funktionen. Sie wenden sich auch an pädagogische Mitarbeitende aus den Bereichen Wohnen, Arbeit und den Fachdiensten, die Projektverantwortlichen des St. Josefs-Stift, die Vorstandsmitglieder, externe Experten und weitere Beteiligte, so dass ein umfassender Blick auf den Umgang mit ethischen Fragstellungen gewonnen werden kann. Aufgrund der engen und vertrauensvollen Kooperation mit dem St. Josefs-Stift können so umfassende und differenzierte Daten zu sensiblen Aspekten Sozialer Arbeit gewonnen werden.

Nach den Erhebungen und der Transkription der Interviews wird das Lehrforschungsprojekt im Wintersemester 2020 mit der Auswertung und Analyse der erhobenen Daten fortgesetzt. Dabei werden verschiedene Ansätze und Methoden der qualitativen Sozialforschung und Datenanalyse wie Grounded Theory, qualitative Inhaltsanalyse, wissenssoziologische Diskursanalyse, Situationsanalyse und hermeneutische Verfahren zur Anwendung kommen. Ziel der Analysen ist, die Bedeutung ethischer Fragestellungen, den Umgang damit und die Folgen davon aus verschiedenen Perspektiven zu rekonstruieren. Anschließend wird gemeinsam erarbeitet, wie das St. Josefs-Stift die Ergebnisse des Forschungsprojektes in die Weiterentwicklung der pädagogischen Leitsätze und von Formen der Bearbeitung ethischer Fragestellungen einfließen lassen kann. Nach Abschluss des Lehrforschungsprojektes wird geprüft werden, inwieweit die Qualität der Daten eine weitere vertiefte Auswertung und Qualität der Daten nahelegt und das Projekt mit dem Ziel, übertragbare Erkenntnisse zu gewinnen fortgesetzt werden kann.

Kontaktpersonen am IFAS: Prof. Dr. Dieter Kulke (Projektleitung), Anna-Lisa Klages, Prof. Dr. Frank Como-Zipfel

Kooperationsbeteiligte im St. Josefs-Stift: Nike Klüber (Fortbildung), Carsten Schulz (Wohnbereichsleitung), Andreas Ullherr (pädagogische Gesamtleitung Wohnen)

Förderung: eigene Mittel

Projektlaufzeit: 2020 – 2022